Samuel Gawith‘s Black XX Kendal Twist🏴‍☠️

  • 1. Einleitung
    Samuel Gawith‘s Black XX Kendal Twist ☠️ ist ein Tabak, der in der Tradition der Lakeland Tabakverarbeitung steht: dick gedrehte Seile aus Virginiablättern, wie sie seit zwei Jahrhunderten in Kendal gefertigt werden und einst nicht nur als Pfeifentabak, sondern auch als Kautabak der Bergleute dienten. Die Kunst des Twistens und Stovens, das Zusammenspiel von Hitze, Druck und Zeit, hier zusätzlich noch mit einer 12-stündigen Mazeration in Pflanzenöl (sic!), verleihen diesem Tabak seinen eigentümlichen Charakter. Black XX wirkt wie ein Relikt aus einer Ära, in der Tabak nicht gefällig, sondern kräftig, unverstellt und archaisch war.

    2. Optik & Schnitt
    In der geöffneten, altgoldfarbenen Rechteckdose von 2019 (Vakuum intakt) liegt der Tabak als dunkles, beinahe schwarzglänzendes Seil, schwer und ölig, die Oberfläche dicht und fast lackartig schimmernd. (Woran der Tabak optisch erinnert 💩, sei hier taktvoll verschwiegen). Schon die bloße Erscheinung signalisiert: Hier ist kein Produkt für die schnellen Rauchgenuß, sondern für den Kenner. Das Schneiden von Scheiben, das Schaben oder gar das Auseinanderbröseln verlangt Werkzeug, Zeit und Geschick. Wer sich auf diese Mühe nicht einläßt, wird kaum Freude an dem Tabak haben.

    3. Kaltaroma
    Der Duft (wenn man es euphemistisch so nennen will) ist schwer, dunkel und unverwechselbar: malzige Süße, sirupartig verdichtet, gepaart mit erdigen, lederartigen und leicht fermentierten Tönen. Teils erkennt man darin reifes Trockenobst, teils einen strengen, beinahe animalischen Geruch. In jedem Fall kündigt sich hier ein ganz besonderer Tobak an.

    4. Rauchverlauf

    Anfang
    Der erste Zug überrascht mit einer weichen, karamellisierten Süße, die an Malz, Honig und reife Früchte denken läßt. Doch kaum hat man sich daran gewöhnt, setzt die wahre Kraft dieses Tobaks ein: eine deutliche Nikotinnote, die Respekt einfordert.

    Mitte
    Mit fortschreitendem Abbrand entwickelt sich eine dichte, dunkle Rauchigkeit. Holz, schwarzer Tee (Lapsang Souchong) und altes Leder treten hervor, zugleich aber auch kulinarische Eindrücke, die unverkennbar sind: eine Anmutung von BBQ-Sauce, Spare Ribs frisch vom Grill, süßlich-glasiert und mit Kohlenrauch durchzogen. Ergänzt wird dieses Ensemble durch eine salzige, scharfkantige Spur, die stark an Salmiakpastillen erinnert und dem Ganzen eine fast nordische Herbheit verleiht. Es ist ein Geschmack, der keinesfalls um Gefälligkeit bemüht ist, sondern in seiner Kompromißlosigkeit faszinieren kann.

    Ende
    Im Finale bleibt ein trockener, adstringierend-tanninreicher Abgang. Die Süße ist verschwunden, zurück bleibt das Erdige, Schwere, eine fast eisenhaltige Trockenheit - ein Schlußakkord, der Black XX endgültig als Tabak uralten Schlages ausweist.

    5. Brennverhalten
    Dieser Twist ist arbeitsintensiv! Das dichte Seil will in dßnne Scheiben geschnitten und/oder sorgfältig zerkrßmelt werden; andernfalls brennt er nur widerwillig. Etwas Antrocknen ist ratsam. Im Rauch verlangt er stete Aufmerksamkeit: zu kräftiges Ziehen fßhrt schnell zu harscher Schärfe, behutsames Rauchen hingegen belohnt mit Tiefe und Kontinuität. Wer Geduld aufbringt, erlebt unter häufigerem Nachzßnden ein langsames, fast meditatives Verglimmen.

    6. Raumnote
    Die Raumnote ist massiv, ja fast provokant. Dunkler Rauch hängt lange im Raum, kräftig, ölig, durchdringend, ungeschönt - wahrhaft unverträglich in besserer Gesellschaft. Am ehesten läßt sich der Eindruck beschreiben als die olfaktorische Atmosphäre der Umkleidekabine nach einem Fußballspiel: Leder, feuchte Textilien, animalischer Körpergeruch, Schweiß und schwerer Rauch vermischt mit Erbsensuppe in einer Mischung, die für Außenstehende alles andere als angenehm ist. Doch wer historisch denkt, erkennt darin das ehrliche Gepräge eines Tabaks, der sich nicht verstellt.

    7. Vergleich & Einordnung
    Im Vergleich zu klassischen englischen Virginia-Orient-Latakia-Blends, modernen Virginia-Flakes oder gar synthetisch aromatisierten Mischungen wirkt Black XX wie ein Fossil - und genau darin liegt sein Reiz. Während andere Blends süffig, süß oder elegant daherkommen, beharrt Black XX auf der Härte und Schwere uralter Tabaktradition.

    Von seiner sozialen Prägung her erinnert er eher an die französischen Scaferlati-Caporal-Mischungen oder die berühmten Gauloises-Zigaretten: Tabake für den Arbeiter, für den Soldaten, für den Mann der Straße, die nicht durch Eleganz und Delikatesse, sondern durch Stärke, Bitterkeit und Durchsetzungskraft charakterisiert sind. So steht Black XX gleichsam im europäischen Kanon der Arbeitstabake - Produkte, die nie für den Salon oder den Rauchkreis des Gentleman gedacht waren, sondern für jene, die nach ehrlicher Schwere verlangten.

    8. Fazit
    Samuel Gawith Black XX Kendal Twist ist kein Tabak für jedermann, sondern eine gnadenlose Charakterprüfung: „ Ist er zu stark, bist du zu schwach“ 😉. Seine Stärken liegen in der kompromißlosen Ehrlichkeit, in den eigenwilligen Aromenschattierungen zwischen Karamell, Rauchfleisch und Salmiak, und in der fast musealen Aura seiner Herstellung. Seine Nachteile sind ebenso evident: schwierige Handhabung, harscher Abbrand bei Unachtsamkeit und eine Raumnote, die selbst eingefleischte Tabakfreunde vor den Kopf stoßen kann.

    Vor allem aber ist er kein „Gentleman’s Blend“ und nicht geschaffen für den Salon, die Bibliothek oder das Herrenzimmer. Er ist ein Arbeitertabak im ursprünglichen Sinne: kräftig, herb, ohne Rücksicht auf Konventionen. Wer sich auf ihn einläßt, entdeckt ein Stück rauher Tabakgeschichte, so bodenständig und ehrlich wie ein Porter zu Shepherd‘s Pie oder Ploughman’s Lunch. Wer hingegen feine Salondüfte, galante Gesellschaft oder elegante Balance sucht, möge lieber Abstand nehmen.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • Ha, Sven, mit dieser Rezension willst du mich wohl aus der Reserve locken? ;)

    Normalerweise liegt es mir fern einen „Tabak-Verriss“ zu schreiben, eben auch aus Toleranzgründen weil es ja immer irgendwo Zeitgenossen gibt, die auch einem geschmacklich-olfaktorischen Mega-GAU noch was abgewinnen können.

    Der SG Black XX Ăźberschreitet da aber deutlich meine Hemmschwelle.

    Kurz: Das Zeug braucht kein Mensch, höchstens vielleicht als Kalfater…das sind diese geteerten Schnüre mir denen man die Spalte zwischen Schiffsplanken abdichtet. Also nee…wie kann man sich so etwas antun ? Mir fällt da nur geteertes und verbranntes Räucheraalleder ein…pfuidaibel!
    Bei meinen zahlreichen Geschäftreisen nach Asien wurden gelegentlich meine Geruchs- und Geschmacksnerven schon recht strapaziert, aber der Black XX ßbertrifft das alles !

    Für Hardcore Masochisten aber vermutlich der optimale Digestiv Tabak nach einem opulenten Mahl aus Surströmming mit ordentlich Natto drüber, und das Ganze mit einem Octomore 12Y runtergespült…:P

    SCNR

    Rainer

    PS: Ein Erlebnis von dem ich berichten muss… Zum Abschluss eines Kongresses in Quindao/China gab es für die Teilnehmer eine Bustour zu den div. Sehenswürdigkeiten in der Stadt und Umgebung, Tempel, Museum usw… Dazu auch einen Zwischenstopp (vermute Provision für den Busfahrer…) an einem Laden an der Küste mit einer irren Auswahl an getrocknetem Fisch und anderem Meeresgetier in Tüten im etwa Gummibärchenformat. Die Chinesen haben eingekauft wie die blöden, speziell für die vom Binnenland war das wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Zurück im Bus…man stelle sich vor (oder besser auch nicht) wenn ca. 50 Chinesen mal gleich gierig ein Tütchen aufreißen mussten… ähhmmm…tja…mit den entsprechenden Konsequenzen…

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

    Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube immer ganze VĂślker (Rafik Schami)

    2 Mal editiert, zuletzt von Rainer (10. November 2025 um 18:34)

  • Chacun Ă  son goĂťt, Rainer 😉.

    Ich kann mir gut vorstellen, daß der Tabak eher Wenigen gefällt.

    Ich trinke auch Lapsang Souchong Tee und mag Marmite 😉. Vielleicht erklärt das, warum mich Black XX nicht schockt.

    Was allerding Surströmming angeht - da muß ich passen 🤢.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • Chacun Ă  son goĂťt, Rainer 😉.

    …und mag Marmite 😉. Vielleicht erklärt das, warum mich Black XX nicht schockt…

    …dann sicher auch Daddy‘s Brown Sauce…aus Brexit-Island. ;)

    Wichtiger wäre aber zu wissen in wie weit du dich in deiner Wahlheimat südlich vom Nordkap zu Blauen Zipfeln und glibberischen Aischgrundmodermolchkarpfen assimilieren kannst…? :P

    Happy wasauchimmerpuffing

    Rainer

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

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  • Hallo Rainer,

    Blaue Zipfel schätze ich sehr, Karpfen gar nicht. Ebenfalls ein Graus sind mir Schweinhaxe, dessen Schulterblatt und Innereien (sog. Kesselfleisch), sowie Kartoffelklöße.

    Weißwurst, die ja bekanntlich aus Frankreich stammt und in Hamburg (Napoleonische Besatzungszeit) schon lang bekannt war, bevor sie ein Münchner Schlachter „erfand“, esse ich auch gelegentlich, finde sie jedoch etwas fad.

    Das hiesige Bier ist nicht meins … aber ich bevorzuge ohnehin Wein. Frankenwein (Juliusspital) habe ich ständig vorrätig.

    HP-Sauce mag ich tatsächlich zu Kurzgebratenen, ebenfalls Branston Pickle auf Cheddar.

    Ich hoffe, dieser kurze Abriß meiner kulinarischen Präferenzen genügt 😉. (Gekotzt wir später 😂).

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • Servus Sven,

    das sind Teile der Innereien vom Karpfen, in Bierteig ausgebacken. Schmeckt gut, ist aber sehr gehaltvoll. Probiert, aber muss nicht nochmal sein.

    Die schlimmste Weltanschauung ist die Weltanschauung von Leuten, die die Welt nie angeschaut haben.

    Alexander von Humboldt

  • In Schottland habe ich einmal Haggis probiert - mit viel Whisky - war geschmacklich gar nicht so Ăźbel, aber verlangt nicht nach Wiederholung.

    Dem Haggis widerfährt teils die gleiche Häme wie unserem Pfälzer Saumagen, schmeckt viel besser als man denkt, und hat zweifellos Wiederholungspotential… und Helmut Kohl lassen wir mal außen vor…
    Happy puffing

    Rainer

    PS: Im TV musste Alexander Herrmann in Wachenheim gegen Saumagengroßmeister Hambel antreten und ist bei der Jury kläglich gescheitert. Merke: Fränggische Sterneköche Finger weg von unserem Saumagen…:P

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

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  • Servus Sven,

    das sind Teile der Innereien vom Karpfen, in Bierteig ausgebacken. Schmeckt gut, ist aber sehr gehaltvoll. Probiert, aber muss nicht nochmal sein.

    Echt jetzt, Jens?
    Klingt schon bizarr, und scheint mir nur von fermentierten Oktopusdärmen in Japan übertroffen zu werden…:P

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

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