1. Einleitung
Das Londoner Haus Robert Lewis zählt zu den ältesten Tabakhändlern Großbritanniens. Seit dem 18. Jahrhundert pflegt man dort Tabakmischungen, die - neben Dunhill - für viele britische „Pipemen“ das Ideal des kultivierten, maßvollen Rauchens verkörpern. Sein berühmtester Kunde war wohl Sir Winston Churchill.
Die Wingfield Mixture steht ganz in dieser Linie: eine unaromatisierte, helltonige Virginia-Mischung mit sehr wenig Latakia und Black Cavendish. Benannt nach Major Walter Wingfield - einem viktorianischen „Sportsman“ und Erfinder des Lawn Tennis - ist sie eine Hommage an britische Haltung und Selbstdisziplin. Nach Übernahme der Marke Robert Lewis und deren Rezepten in den 1980ern wird der Tabak bei Kopp in Rellingen gemischt.
2. Optik & Schnitt
Die Mischung zeigt sich in einem hell- bis mittelbraunen, eher kurzfaserigen Ribbon Cut, sauber gearbeitet und homogen. Hellere Virginias dominieren, durchsetzt von wenigen dunklen Fasern des Latakia und Black Cavendish. Der Schnitt ist locker, die Feuchte der Probe eher auf der trockenen Seite.
3. Kaltaroma
Der Duft im Kaltzustand erinnert an Heu, Honig, helles Holz und getrocknete Zitrusschale. Eine feine, kaum wahrnehmbare Rauchigkeit legt sich über die Süße - mehr Ahnung als Präsenz, wie ein ferner Duft von Kaminholz. Alles wirkt natürlich und tabakecht.
4. Rauchverlauf
Anfang
Zu Beginn eröffnet Wingfield mit heller, klarer Süße, sanft fruchtigen Spitzen und einer leicht buttrigen Grundtextur. Der Rauch ist mild, aber nicht dünn - geschmeidig, fast cremig im Mundgefühl.
Mitte
Im Mittelteil gewinnt die Mischung an Tiefe: die Süße weicht einer feinen getreidigen Note, begleitet von einer diskreten Holzwürze. Kein dramatischer Wandel, eher eine ruhige Balance im Verlauf der Füllung.
Ende
Im letzten Drittel trocknet der Geschmack leicht aus, die Süße tritt zurück, und ein zarter, holzig-herber Nachklang beschließt das Rauchopfer. Das Gesamterlebnis ist harmonisch und ohne jede Schärfe - eher linear als komplex.
5. Abbrand & Technik
Technisch verhält sich die Wingfield Mixture geradezu vorbildlich: Sie brennt willig, aber nicht hastig, bleibt trocken im Zugkanal und verlangt nur seltenes Nachzünden. Wird sie gemächlich geraucht, entfaltet sie ein angenehm kühles Rauchverhalten. Die Asche ist hell und fein.
6. Raumnote
Die Raumnote ist zurückhaltend und klassisch - leicht süßlich, von natürlicher Virginia-Wärme getragen, mit einem Hauch Holz: dezent, kultiviert, unaufdringlich.
7. Vergleich & Einordnung
Im Vergleich zu anderen Virginia/Latakia-Mischungen nimmt Wingfield eine ungewöhnlich helle, milde Position ein:
- Wehde‘s Cremon aus Hamburg zeigt ein deutlich stärkeres Spiel zwischen Virginia-Süße und Latakia-Würze. Sein Rauch ist tiefer, dunkler, leicht weihrauchig bis harzig. Gegenüber dieser ernsthaften, würzigen Balance wirkt die Wingfield Mixture transparenter, heller und süßer.
- Trennt’s Abu Riha, eine Kieler Mischung mit prägnantem Latakia-Anteil, geht einen anderen Weg: erdig, rauchig, mit orientalischer Schärfe. Abu Riha ist ein Tabak von Körper und Nachdruck - Wingfield Mixture dagegen bleibt durchweg mild.
- Samuel Gawith‘s Commonwealth Mixture steht als Archetypus kräftiger englischer Virginia-Latakia-Blends. Deren dichtes, rauchiges Fundament kontrastiert die Leichtigkeit der Wingfield Mixture: Bildlich gesprochen ist Commonwealth romantische Symphonie - Wingfield ist klassisches Streichquartett. Beide haben ihre Berechtigung.
So betrachtet, ist Robert Lewis’ Wingfield Mixture kein Konkurrent, sondern ein Gegengewicht: Der Tabak bietet die helle Seite britischer Tabakkultur - fein ziselierte Virginia-Dominanz statt Latakia- Wucht, Zurückhaltung statt Dramatik.
8. Empfehlung
Empfohlen für Liebhaber heller Virginias und subtiler, harmonischer Mischungen, die Reinheit dem Effekt vorziehen. Wer die Tiefe von Wehde’s Cremon, die Würze von Trennt’s Abu Riha oder die Fülle Samuel Gawith’s Commonwealth Mixture schätzt, findet in Robert Lewis’ Wingfield Mixture deren filigranere, diszipliniertere Schwester - einen Tabak von leiser Würde und zeitloser britischer Haltung.
9. Fazit
Robert Lewis’ Wingfield Mixture ist ein Tabak von klassischer Klarheit und solider Einfachheit. Seine Stärke liegt in Balance und Natürlichkeit. Für den Connoisseur ist die Wingfield Mixture kein „Show-Blend“, sondern ein ehrlicher, kultivierter Alltags-Tabak, geeignet für den Nachmittag oder frühen Abend, wenn man die Ruhe sucht, nicht den Reiz.
Persönlich ist mir der Tobac ein bißchen zu mild und schlicht 🥱.
PS
Verschmökt wurde der Tobac für diese Rezension - wie immer - filterlos in diversen gereinigten, keramischen Zenith Pfeifen, um jedwede Beeinflussung durch Ghosting, Filter oder auch das Holz der Brennkammer auszuschließen 🧐.
Mast- und Schotbruch
Sven ⚓️