Es ist natürlich mit einem gewissen Bias verbunden, wenn man sein eigenes Elaborat rezensiert, aber hier ist es:
1. Einleitung:
Der Name Cock o’ the North verweist auf den Beinamen des Chiefs des Gordon Clans, der in schottischen Märschen und Liedern unsterblich geworden ist. Unter seinem Banner eine Pfeifenmischung zu komponieren bedeutet, Anspruch auf den rauhen, nordischen Charakter der schottischen Highlands zu erheben: Herb, wettergegerbt, doch nicht ohne kultivierte Tiefe. So wie der zur Aromatisierung verwendete Single Malt Whisky Laphroaig, dessen torfiger Dunst über der Insel Islay wie ein Element des Landes selbst hängt, soll auch dieser Tabak eine Brücke schlagen zwischen Erde, Rauch und Geist - eine Verbindung von Tradition und Genuß.
2. Optik & Schnitt:
Im Gefäß zeigt sich ein farbenreiches Mosaik: Goldbrauner Virginia, schwarzglänzender Black Cavendish, schwarzbrauner Latakia, oliv- bis sandfarbene Orient-Anteile und hier und da jene dunklen, fast violetten Sprenkel des Périque. Der Schnitt ist ein klassisch britischer Ribbon-Cut, der sich leicht stopfen und gleichmäßig entzünden läßt.
3. Kaltaroma:
Eine tiefgründige Süße von Black Cavendish und Virginia bildet die Basis, über der sich ganz leicht ein carbolartiger, etwas medizinisch anmutender Hauch erhebt - unzweifelhaftes Kennzeichen der Saucierung mit Laphroaig Whisky. Er verbindet sich mit dem rauchigen Latakia zu einer dichten Melange aus Torf, Meeresbrise und Jod, während der Orient eine trockene, ätherische, fast kräuterartige Note beisteuert.
4. Rauchverlauf:
Anfang:
Der Beginn ist weich, rund, cremig und zugleich vielschichtig. Die Virginia-Süße trägt den Rauch, während der Whisky ein ganz leichtes torfiges Timbre einführt, das aber nicht aufdringlich wirkt. Der Latakia fügt moderat-harzig-balsamische Rauchigkeit hinzu, die hier nicht an Teer oder brennende Autoreifen erinnert, sondern eher an ein Lagerfeuer am Strand.
Mitte:
Hier entfaltet sich die wahre Balance: Der Black Cavendish mildert den Périque ab, der sich nun, immer wieder aufblitzend, als feine, pfeffrige Spitze mit Noten von Dörrobst und Feigen zeigt. Orient und Latakia - der eine ätherisch-blumig, der andere harzig-rauchig - verleihen dem Rauch eine würzige Tiefe. Die Whisky-Note ist jetzt kaum mehr als eine Ahnung.
Ende:
Gegen Ende wandelt sich die Mischung: Die Süße tritt weiter zurück, die pfeffrige Würze des Périque blitzt immer wieder auf, der leicht adstringierende Orient trocknet den Abgang etwas aus. Es bleibt ein anhaltender Nachhall von Holzrauch, Leder und einer feinen Bitterkeit.
5. Abbrand & Technik:
Die Mischung brennt langsam, ruhig und gleichmäßig, sofern sie nicht zu fest gestopft wird. Der Feuchtigkeitsgehalt ist optimal; Nachfeuern ist selten nötig. Es tritt nur wenig Kondensat in Erscheinung.
6. Raumnote:
Die Raumnote ist charaktervoll, aber kultiviert: Rauch, Torf, cremige Süße und der unterschwellige Whiskyduft ergeben eine Aura von Kamin und feuchtem Tweed - typisch britisch, soigniert, leicht melancholisch, doch elegant und attraktiv. Sie bleibt im Raum präsent, aber ohne sich aufzudrängen.
7. Vergleich & Einordnung:
Gordon’s Cock o’ the North steht in der Tradition klassischer Scottish Mixtures. Die schottische Schule - traditionell etwas runder, süßer und weicher als die englische - wird hier m.E. recht gut getroffen. Der Whisky-Akzent fügt eine weitere Dimension hinzu, ohne die Mischung in das Lager der Aromaten abgleiten zu lassen. Verglichen mit etwa Rattray’s Black Mallory oder Dunhill‘s My Mixture 965 wirkt Gordon’s Cock o‘ the North etwas dunkler, rauchiger, torfiger, pfeffrig und etwas weniger orientbetont. Gegenüber einem GL Pease Maltese Falcon wiederum ist er etwas herb-trockener und dabei komplexer und strukturierter.
8. Eignung & Empfehlung:
Empfohlen für erfahrene Pfeifenraucher, die sowohl klassische, schottische Mixtures als auch natürlich aromatisierte Blends schätzen. Wer Latakia liebt, wird den torfigen Whisky als natürliche Erweiterung empfinden; wer Cavendish mag, wird die cremige Tiefe genießen.
Eher nicht geeignet für Anfänger oder monomane Liebhaber von Hocharomaten - zu komplex, zu dunkel und zu eigenwillig. Doch für den Freund des Nordischen, des Rauchigen, des Bodenständigen ist dieser Tabak ein vielschichtiger Genuß.
9. Fazit:
Gordon’s Cock o’ the North ist m. E. ein Beispiel dafür, wie man eine zurückhaltende, natürliche Aromatisierung und traditionelle britische Tabakmischkunst miteinander versöhnen kann. Die Saucierung mit Laphroaig-Whisky ist kein Gimmick, kein synthetisches Aroma, sondern organischer Bestandteil des Gesamtprofils. Die Tabake bleiben erkennbar, die Balance ist m.E. stimmig, das Erlebnis von Anfang bis Ende kohärent. Cock o’ the North ist kein blendender Show-Tabak, sondern ein kontemplativer Begleiter für die herbstlichen Abendstunden - einer, der gelassen und positiv stimmt, während draußen Sturm und Regen gegen die Scheiben peitschen.