1. Einleitung:
Kaum ein Name ist so eng mit der klassischen englischen Pfeifentabaktradition verbunden wie Dunhill. My Mixture 965 nimmt innerhalb dieses Kanons eine Sonderstellung ein: Sie wurde in den 1920er-Jahren in der Londoner Dunhill-Filiale entwickelt – und zwar als eine persönliche, maßgeschneiderte Mischung für einen schottischen Stammkunden namens E. A. Baxter, Esq., der eine kräftige, aber dennoch runde und ausgewogene englische Mischung wünschte, die sowohl am Morgen als auch tagsüber angenehm zu rauchen sei. Die Zahl 965 war dabei keine besondere Symbolik, sondern schlicht die Rezeptnummer im Dunhill-Register. Aus der individuellen Kundenmischung wurde bald ein regulärer Ladenklassiker, an dem auch andere Kunden Gefallen fanden – und so ging My Mixture 965 in das allgemeinene Sortiment über.
2. Optik & Schnitt:
In der Dose zeigt sich ein klassischer britischer Ribbon Cut. Farblich dominiert ein ausgewogenes Spiel aus mittel- bis dunkelbraunen Virginias, hellbraunen bis leicht oliv-gelblich tingierten Orientstreifen und tiefschwarzen Latakia-Fasern. Die Feuchtigkeit ist optimal eingestellt.
3. Kaltaroma:
Das Aroma im Kaltzustand ist vielschichtig: Eine sanfte, balsamische Rauchigkeit des zypriotischen Latakia legt sich über eine warme, leicht grasig-süßliche Basis aus reifen Virginias. Darunter finden sich nussige, fast brotige Noten, die klar auf den Cavendish-Anteil verweisen, ergänzt durch eine trockene, leicht ätherische Würze der Orienttabake.
4. Rauchverlauf:
Anfang: Der Beginn ist bemerkenswert mild und rund. Der Latakia meldet sich sofort, jedoch nicht dominant, eher als strukturgebendes Element. Die Virginias liefern eine gedämpfte, natürliche grasig bis leicht zitrische Süße, während der Brown Cavendish dem Rauch cremiges Volumen verleiht.
Mitte: In der Mitte entfaltet My Mixture 965 seinen eigentlichen Charakter. Die Balance verschiebt sich leicht zugunsten der würzigen Komponenten: Orienttabake bringen eine trockene, fast kräuterartige Note ein, während der Latakia an Tiefe gewinnt, ohne schärfer zu werden. Der Rauch wirkt nun dichter, cremiger, beinahe samtig. Hier zeigt sich die Kunst der Komposition – keine lineare Entwicklung, sondern ein ruhiges Kreisen um einen stabilen Mittelpunkt.
Ende: Zum Ende hin wird der Blend erdiger und dunkler. Die Süße tritt zurück, harzig-balsamischer Rauch und trockene Holznoten stehen im Vordergrund. Dennoch bleibt der Tabak bemerkenswert stabil; Bitterkeit stellt sich nicht ein, sofern man mit Maß raucht. Der Abgang ist trocken, sauber und befriedigend, mit einer leisen, anhaltenden Würze.
5. Abbrand & Technik:
Dunhill‘s My Mixture 965 ist rauchtechnisch unkompliziert. Sie läßt sich leicht stopfen, zündet willig und brennt gleichmäßig ab. Wenige Nachzündungen genügen inndee Regel, der Tabak produziert einen kühlen, dichten Rauch und hinterläßt eine feinkörnige, hellgraue Asche. Kondensat bleibt gering, sofern man nicht mit forcierten Zügen oder hastig raucht.
6. Raumnote:
Die Raumnote ist ausgesprochen britisch-traditionell: Deutlich tabakbetont, rauchig, mit einer warmen, leicht süßlichen Tiefe. Für Nichtraucher sicher kein Gefallen, für den Connoisseur jedoch der Inbegriff „echten“ Pfeifenrauchs. Sie weckt Assoziationen an die Rauchsalons englischer Clubs mit gediegenen Ledersesseln und knisterndem Kaminfeuer.
7. Vergleich & Einordnung:
Innerhalb des Dunhill-Portfolios steht My Mixture 965 m.E. zwischen der Standard Mixture und dem Nightcap. Im Vergleich zur Standard Mixture ist My Mixture 965 weicher, runder und weniger linear. Gegenüber dem Nightcap fehlt ihm indes dessen wuchtige Kraft, pfeffrige Périque-Würze und Nikotinstärke.
Im Vergleich zu den schottischen Blends Robert Lewis’ zeigt sich eine stilistische Verwandtschaft: Die gedämpfte Süße, die cremige Textur, die Zurückhaltung des Latakia. Doch Dunhill’s My Mixture 965 erscheint mir etwas nüchterner und weniger verspielt. Wo Robert Lewis‘ Kompositionen gelegentlich eine fast dessertartige Rundung aufweisen, bleibt My Mixture 965 stets im Rahmen klassischer britischer Eleganz.
8. Eignung & Empfehlung:
Dunhill’s My Mixture 965 eignet sich m.E. hervorragend für den erfahrenen Pfeifenraucher, der eine ausgewogene, kultivierte und elegante Mischung sucht; ebenso wie für den fortgeschrittenen Einsteiger, der die Welt der englischen Blends jenseits extremer Latakia-Dominanz erkunden möchte. Er ist ein idealer Begleiter für ruhige Stunden, für Lektüre, gepflegte Konversation oder stille Einkehr mit einem Port am Kamin.
9. Fazit:
Dunhill’s My Mixture 965 ist kein Tabak der großen Gesten. Seine Stärke liegt vielmehr in der Balance und in der würdevollen Autorität einer archetypischen britischen Mischung. Insgesamt erweist sich Dunhill My Mixture 965 als klassischer Vertreter der britischen Schule. Er gehört seit Jahrzehnten zu meinen absoluten Favoriten.
10. Chronologie:
• 1907 – Alfred Dunhill eröffnet sein Pfeifen- und Tabakgeschäft in der Duke Street, London. Dort entsteht die Idee der „My Mixture“-Reihe: Individuelle Kundenmischungen mit Registriernummern.
• ca. 1910–1920 – My Mixture 965 taucht erstmals im Register auf. Bald wird sie zu einer Standardmischung, beliebt wegen ihrer Balance von Virginia, Latakia, Orient und Brown Cavendish.
• 1920er–1960er – Dunhill baut seinen legendären Ruf auf und wird britischer Hoflieferant. My Mixture 965 gilt als eine perfekte englische/schottische Alltagsmischung und gehört zu den meistverkauften Tabaken des Hauses.
• 1970er–1980er – Produktion zunehmend in Lizenz durch Murray, Sons & Co. Ltd. in Belfast. Die Rezeptur bleibt gleich, doch "Kenner" bemerken leichte Schwankungen über die Jahre.
• 2005 – Schließung der Murray-Fabrik in Belfast. My Mixture 965 verschwindet kurzzeitig vom Markt.
• 2006–2018 – Wiederauflage durch Orlik/Scandinavian Tobacco Group (STG) in Dänemark, weiterhin unter dem Namen Dunhill‘s My Mixture 965. Diese Version ist weltweit verbreitet, unterscheidet sich nach Meinung von "Experten" aber geschmacklich leicht von den früheren Murray-Mischungen.
• 2018 – Dunhill zieht sich endgültig aus dem Tabakgeschäft zurück. Alle Pfeifentabake unter dem Namen Dunhill werden eingestellt.
• 2019–heute – Die Rezepturen werden von Peterson (STG) als Eigentum übernommen und identisch fortgeführt. Der Tabak erscheint nun als Peterson‘s My Mixture 965.