Samuel Gawith‘s Sam‘s Flake - Rezension

  • 1. Einleitung:
    Der Sam’s Flake aus dem Hause Samuel Gawith gehört zu den klassischen englischen Kompositionen - wie beispielsweise der 1792 Cob Flake aus gleichem Hause - die zur Abrundung des Bouquets Tonkabohnenextrakt (Tonquin) verwenden. Die Zusammensetzung ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal: Gereifte Virginias bilden das Fundament, orientalische Tabake sorgen für Würze und Struktur, und eine zurückhaltende Tonquin-Saucierung rundet das Ganze ab - auf Latakia und andere Würztabake wird verzichtet. Diese Komposition entspricht im Grundsatz der historischen Schule britischer Flake-Herstellung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in der Zusätze (Rum, Tonquin etc) nicht im Sinne einer Aromatisierung dominierend-überlagernd, sondern harmonisierend-ergänzend eingesetzt werden. Ich zähle den Tabak folglich nicht zu den Aromaten.

    2. Optik & Schnitt:
    Die Flakes erscheinen in der typischen Rechteckdose dicht gepreßt und leicht schimmernd, in tiefen Braun- und Mahagonitönen mit vereinzelten helleren Fasern. Die Scheiben sind Gawith-typisch etwas ungleichmäßig geschnitten aber recht stabil und feucht. Sie lassen sich problemlos sowohl falten als auch vollständig aufreiben.

    3. Kaltaroma:
    Im kalten Zustand zeigt sich ein vielschichtiges Duftprofil: Dunkle Virginiasüße, Trockenfrüchte, ein Hauch Malz und darunter eine trockene, würzige Note der Orientblätter. Die Tonquin-Saucierung äußert sich als warmer, vanillig-mandeliger Schleier, der das Bouquet glättet und ihm einen leise balsamischen Charakter verleiht. Der olfaktorische Eindruck ist harmonisch ohne Dominanz einer Komponente.

    4. Rauchverlauf:

    Anfang: Im ersten Drittel der Füllung offenbart sich eine helle, natürliche Süße der Virginias – Heu, frisches Brot, ein leichter Anklang von Zitrusschale. Die Tonquin-Saucierung tritt sofort als weiche Rundung hinzu und erinnert an Vanille und Mandeln, ohne je aromatisch vordergründig zu werden. Die Orienttabake äußern sich zunächst nur strukturgebend, indem sie die Süße der Virginias kontrapunktisch mit feiner, kräuteriger Trockenwürze straffen.

    Mitte: Im Mittelteil vertieft sich das Profil. Die Virginias entwickeln dunklere Töne von Korinthen, Datteln, Backobst und Malz. Gleichzeitig treten nun die Orientblätter aromatisch hervor und bringen an Heublumen erinnernde, kräuterig-ätherische bis florale, ganz leicht muskatartige und dezent lederige Nuancen ein. Die Tonquin-Komponente wirkt nun wie ein verbindendes Medium: Sie mildert die Würze, vertieft die Süße und verleiht dem Rauch eine cremige Textur. Besonders bemerkenswert erscheint mir der fließende Übergang der Aromaphasen.

    Ende: Im letzten Drittel verdichtet sich die Mischung aromatisch. Die Süße wirkt nun karamellisiert und molasse-artig, während holzige und mineralische Noten an Gewicht gewinnen. Die Orientwürze erscheint nun trockener und deutlich mineralischer - eine entfernt an Pouilly Fumé erinnnernde Feuersteinnote. Die Tonquin-Saucierung bleibt bis zuletzt als samtige Grundierung bestehen und verhindert aschige Bitterkeit

    5. Abbrand & Technik:
    Nach moderater Trocknungszeit entzündet sich der zuweilen etwas feuchte Flake zuverlässig und brennt unter gelegentlichem Nachzünden gleichmäßig ab. Langsames, befächtiges Rauchen offenbart die größte Differenzierung der Aromen; hastiges Ziehen verdichtet sie lediglich, ohne den Tabak scharf werden zu lassen. Zungenbiß tritt selbst bei forcierter Kadenz nicht auf.

    6. Raumnote:
    Die Raumnote ist klassisch und tabakecht: Süßlich-würzig, mit Anklängen von warmem Holz und Heu. Sie weckt Erinnerungen an Herrenzimmer und Privatbibliothek und wird selbst von Außenstehenden meist als angenehm altmodisch empfunden.

    7. Vergleich & Einordnung:
    Innerhalb der englischen Tradition läßt sich Sam’s Flake neben jene Flake-Klassiker stellen, wie sie einst von Dunhill (nun Peterson) kultiviert wurden, wenngleich mit eigenständigem Profil. Während die historischen Londoner Mischungen oft stärker auf soignierte Eleganz zielen, besitzt dieser Flake eine leicht rustikale, nordenglische Erdung. Gegenüber reinen Virginia-Flakes, wie beispielsweise Richmond‘s Navy Cut oder Will’s Capstan bietet er mehr Würze und aromatische Komplexität; gegenüber stark aromatisierten Vertretern der Lakeland Tradition bleibt er bewußt zurückhaltend.

    8. Eignung & Empfehlung:
    Samuel Gawith‘s Sam‘s Flake richtet sich vor allem an erfahrene Pfeifenraucher mit Sinn für natürliche Tabakentwicklung. Wer spektakuläre Aromensprünge sucht, wird ihn unterschätzen; wer feine Abstufungen schätzt, wird ihn hoch achten. Besonders geeignet ist er für ruhige Stunden, in denen Aufmerksamkeit und Muße vorhanden sind, denn seine Qualitäten offenbaren sich schrittweise.

    9. Fazit:
    Samuel Gawith’s Sam’s Flake erweist sich als ein exemplarischer Vertreter traditioneller englischer Mischkunst: Ausgewogen, vielschichtig und handwerklich-traditionell gefertigt. Die Virginias liefern Struktur und Süße, die Orienttabake Würze und Kontur und die Tonquin-Abrundung verbindet das Bouquet zu einem geschlossenen Ganzen - auf Latakia oder andere Würztabak wird bewußt verzichtet. Seine Größe liegt nicht im Aromen-Spektakel, sondern in der klassischen Proportion und Balance der hochwertigen Komponenten. Ein typischer Fall kultivierten, britischen Understatements. 🇬🇧

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • Hi Sven

    Danke fürs Review.

    Der Sam's läuft bei mir unter dem Oberbegriff "Weihnachtsgebäck" ...äußerst schmackhaft, nicht immer, aber immer wieder...:) ...ein absolutes highlight gegen einige "vollgeknallte Aromabomben" die man als Hausmarke bekommen kann.

    Happy puffing

    Rainer

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

    Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube immer ganze Völker (Rafik Schami)