Weber‘s Bonner Qualmköpp - Rezension

  • Vom Orte meiner alten Alma Mater:

    1. Einleitung:
    Die Bonner Qualmköpp, ein bei Kopp, Rellingen konzipierter und gemischter Pfeifentabak aus dem Repertoire der Hausmischungen des Bonner Pfeifen- und Cigarrenhauses Wilhelm Weber (Sternstraße) gehört zur Gattung der klassischen englischen Pfeifentabake, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts unter Pfeifenrauchern weltweit Kultstatus erlangte und in der feinen Balance aus Virginia, Orient, Latakia und ggf. Périque einen universellen Maßstab setzte. Historisch gesehen, ist diese Art von Mischung der Versuch, die herb-rauchige Tiefe des Latakia mit der filigranen Süße des Virginia und der würzigen Nuancen des Orient und Périque zu verbinden; ein Konzept, das seit der glanzvollen Epoche von Dunhill‘s Nightcap und seinen Epigonen kultiviert wird. Weber’s Bonner Qualmköpp wurde Anfang der 2000er bewußt als Ersatz für Dunhill‘s Nightcap konzipiert, da dessen STG-Version die Mitglieder eines Bonner Pfeifenclubs nicht wirklich überzeugen konnte.

    2. Optik & Schnitt:
    Im der geöffneten Vakuumdose zeigt sich ein klassischer englischer Ribbon-Cut: Dunkle bis tiefbraune Latakia-Streifen durchzogen von helleren Virginia-Anteilen und vereinzelten, oliv- bis rotbraunen Orientspitzen. Die Faserlängen sind variabel, was dem Blend eine lebendige Textur verleiht.

    3. Kaltaroma:
    Das Bouquet des rauchfertigen Tabaks kündigt sich mit Macht an: Ein sehr kräftiger, rauchig-harziger Duft mit leicht erdigen Nuancen des Latakia, begleitet von grasiger Virginia-Süße und würzigen, leicht kräuterigen Orientnoten. Unterlegt ist das Bouquet von einem leichten, pfeffrigen, fruchtig-gegorenen Hauch des Périque, der eine pikant-lebendige, teils an Ketchup erinnernde Würze einbringt, ohne dominant zu wirken.

    4. Rauchverlauf:

    Anfang: Beim Anzünden präsentiert sich Bonner Qualmköpp mit der typischen Präsenz des Latakia: Dunkel, harzig, rauchig, mit einer tiefen Teernote (Kreosot), die jedoch hier nicht beißend, sondern eher samtig bis balsamisch wirkt. Die Virginias eröffnen gleichzeitig eine zurückhaltende, überwiegend malzige bis schwach grasige Süße, die den Einstieg abrundet.

    Mitte: Nach einigen Zügen zeigt sich das Herz des Blends: Die Orienttabake treten deutlicher hervor, verleihen dem Rauch eine sehr subtile, kräuterhafte bis mineralische Trockenheit. Diese mittlere Phase ist geprägt von harmonischer, aromatischer Komplexität: Die rauchigen Noten bleiben präsent, gewinnen jedoch an Eleganz, während der Périque im Hintergrund feine pfeffrige, leicht fruchtige Akzente beisteuert.

    Ende: Gegen Ende verlagert sich das Profil in eine kernige, erdige Würze, getragen von der Latakia-Grundierung. Die Süße der Virginias tritt zurück, bleibt aber als warmer Nachklang spürbar. Die abschließenden Züge sind trocken und hinterlassen einen Eindruck von kontemplativer Tiefe. Der Nikotingehalt ist erwartungsgemäß eher hoch.

    5. Abbrand & Technik:
    Der Abbrand des Tabaks ist unproblematisch und zuverlässig. Der Blend entzündet sich ohne Zögern, gleichmäßig und mit moderater, beständiger Glut. Wie üblich, profitiert auch der Bonner Qualmköpp von einer ruhigen, kontrollierten Rauchtechnik: Zu hastiges Ziehen führt eher zu Überhitzung und verbirgt Nuancen, die sich bei bedachtem, langsamen Zug offenbaren. Die Feuchtigkeit ist rauchfertig ausbalanciert.

    6. Raumnote:
    Die Raumnote ist herb, deutlich „pferdestallig“, geprägt von dem klassischen Duft des Latakias, der den Rauch dominiert. Außenstehende empfinden diese Art von Raumnote oft als abstoßend, aber für den Freund englischer Mischungen ist sie authentisch und durchaus von einer gewissen, weihrauch-ähnlichen Eleganz.

    7. Vergleich & Einordnung:
    Im Vergleich zum Dunhill‘s Nightcap (welcher als archetypischer „schwerer“ englischer Blend und offensichtliches Vorbild fungiert), zeigt Bonner Qualmköpp eine sehr ähnliche Grundanlage: Latakia geprägt, mit Virginia- und Orientstütze, Périque als Würzzugabe. Dunhill’s Nightcap selbst gilt als kräftig, komplex und tief rauchig, mit latenterer Süße, die den rauchigen Eindruck balanciert. Eine nicht hinzunehmende Abschwächung des typischen Bouquets und Charakters bei der Produktionsverlagerung von Murray zu STG wurde weitläufig beklagt.
    Weber’s Bonner Qualmköpp bewegt sich exakt in diesem Terrain, wirkt aber nach meinem Empfinden deutlich pointierter, weniger „weichgespült“ als die rezente STG-Interpretation von Dunhill’s Nightcap. Der Tabak zeigt m.E. ein etwas kantigeres und konzentrierteres Profil: Nicht unausgewogen, aber stärker in der Darstellung der einzelnen Komponenten, insbesondere des dominierenden Latakias. Mich erinnert der Tabak, cum grano salis, etwas an die längst verflossene Murray-Variante des Nightcap. Aber diese Erinnerung liegt weit zurück.

    8. Eignung & Empfehlung:
    Dieser Tabak ist weniger als leichter All-Day-Smoke, sondern eher als bewußter abendlicher Genuß für erfahrene Pfeifenraucher zu verstehen. Der Connoisseur, der eine ehrliche, unverfälschte, „schwere“ englische Mischung schätzt – mit klaren Referenzen zu den großen Klassikern – findet hier ein solides, kultiviertes Rauchprofil. Anfänger sollten sich der Intensität bewußt sein: Die Kombination mit größeren Anteilen von Latakia und Périque verlangt eine gewisse, anerlernte Vorliebe, die dem Aromatenliebhaber möglicherweise abgeht. Der Nikotingehalt ist nicht unerheblich.

    9. Fazit:
    Weber’s Bonner Qualmköpp ist ein hochwertiger, klassisch komponierter englischer Blend: Kräftig, tiefrauchig und mit einer komplexen aromatischen Struktur, die sowohl die rauchigen Aspekte des Latakia als auch die fruchtig-würzigen Nuancen des Orient und Périque würdigt. In der Tradition großer englischer Blends steht dieser Tabak für ein bewußtes, nicht oberflächliches Raucherlebnis: Ideal für ruhige Stunden, wenn der Tag verblaßt und besonnene Einkehr eintritt. In der Summe ist er eine lohnende, charakterstarke Interpretation dieses Stils, die m.E. dem historischen Anspruch gerechter wird, als die derzeitige STG-Version des einst legendären Dunhill Nightcap.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • Hi Sven,

    Danke fürs Review.

    Bei H.Weber war ich mal vor Jahren. Den Bonner Qualmköpp mitzunehmen war fast Pflichtprogramm. Ob jetzt besser als der STG sei mal dahingestellt...und ich denk mal der BQ hat Geschwister in der Händlerlandschaft...;)

    Wesentlich interessanter fand ich den Flake der jetzt Nr.28 heist, Basis ein Kopp, mit Latakia auch mal als Latakia Flake bekannt, aber die Zugabe von Rosenöl und Zimt fand ich ganz interessant. Ich glaub es war damals noch von anderen Ölen die rede, kann mich aber nimmer erinnern...egal, schöne Abwechslung zum Mainstream wenn er noch so ist wie er war.

    Happy puffing

    Rainer

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

    Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube immer ganze Völker (Rafik Schami)

  • Servus Sven, danke für das Review,

    ..... wenn der Périque da nicht wäre.... Beim Nightcap habe ich ihn nicht herausgeschmeckt, aber bei mir der Grat zwischen :thumbup:und <X sehr schmal.
    Angeblich würde Peterson jetzt die Tabake wieder nach den Originalrezepturen von Dunhill mischen, da könnte man dann tatsächlich vergleichen.
    Viele Grüße Jens

    Die schlimmste Weltanschauung ist die Weltanschauung von Leuten, die die Welt nie angeschaut haben.

    Alexander von Humboldt

  • Hallo Jens,

    Soweit ich weiß, gibt Peterson nur seinen Namen für die nach wie vor unverändert bei STG gemischten Dunhill Tabake. Diese unterscheiden sich, soweit man in Erfahrung bringen kann, sowohl von den Murray-Versionen, als auch vom Dunhill Original (bis 1980).

    Ich habe den Nightcap in der Murray Version deutlich kräftiger und latakialastiger in Erinnerung, als den derzeitigen Nightcap von STG. Allerdings ertappe ich mich dabei, daß ich grundsätzlich finde, daß „früher mehr Latakia war“ 😉.

    Ob das an meinen möglicherweise altersbedingt abgestumpften Geschmackspapillen, am anderen Grundtabak oder am Mischungsverhältnis liegt, weiß ich nicht sicher zu sagen.


    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • ...aber bei mir der Grat zwischen :thumbup:und <X sehr schmal....


    ... Angeblich nach den Originalrezepturen von Dunhill mischen...
    Viele Grüße Jens

    Hi Jens,

    wärst du Modellbahner statt Pfeifenraucher, ging durch deinen sehr schmalen Grat eine Dampflokomotive statt ein Doppeldecker, aber "Tunnellblick" würde so oder so passen...😜 SCNR...

    Das mit der Originalrezeptur halte ich für ein Marketing Märchen. Erstens will ich nicht glauben dass einen Teil der Tabake von damals überhaupt noch verfügbar sind (z.B. bestimmte Orient Provenienzen), weiterhin waren die Londoner Rezepturen aus späterer Sicht eine betriebswirtschaftliche Katastrophe auf Grund der Komponentenvielfalt sowie deren Besorgung und Lagerhaltung, die dann von Murray's Rotstiftmäßig erst mal ordentlich zusammengestrichen wurden.

    Holm und Lattenbruch

    Rainer

    PS: Man braucht weder Phantasie noch einen Ralli um zu glauben dass Latakia, Perique usw. aus den 70ern zu 100% den heutigen entsprechen...

    Glaube nicht an Dinge von denen du nur Echos und Schatten kennst (Japanisches Sprichwort)

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