Wehde‘s Cremon Mixture - Rezension

  • Habe eine ältere Rezension überarbeitet und dabei festgestellt, daß ich sie hier bislang vorenthalten habe. Wohlan denn:

    1. Einleitung:
    Die Cremon Mixture aus dem Hause Walter Wehde - ursprünglich Altona, später Rellingen - steht in einer Tradition: Der schnörkellosen, ehrlichen englischen Mischung norddeutscher Prägung - wie sie einst Wehde, Brinkmann, von Eicken - und heute noch Kopp, Trennt und TAK prägten und prägen. Ihre heutige Fertigung (seit 1987) bei Kopp Tobaccos ändert nichts an ihrem ursprünglichen Charakter, der unverkennbar aus der Schule Wehdes stammt. Bemerkenswert ist die bewußt reduzierte Komposition: Virginia und Latakia und weiter nichts. Kein Orient, kein Burley, kein Kentucky, kein Périque und vor Allem keine synthetische, aromatische Beigabe. Diese Beschränkung ist keineswegs Ausdruck von Einfachheit im trivialen Sinne, sondern vielmehr Ergebnis eines klassischen Verständnisses von Tabakmischung, wie es im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert insbesondere im britischen und hanseatischen Raum gepflegt wurde. Der Name „Cremon“ verweist dabei auf die gleichnamige Hamburger Insel, ein historisches Zentrum des Handels und damit auf eine Haltung, die auch diese Mischung prägt: Hanseatische Klarheit, Verläßlichkeit und Maß.

    2. Optik & Schnitt:
    Im Tabakbild zeigt sich eine wohlproportionierte Mischung aus hellen bis goldbraunen Virginias und tiefschwarzen Latakia-Anteilen. Letztere wirken leicht ölig, ohne jedoch zu dominieren. Der Schnitt ist ein klassischer Ribbon Cut mittlerer Breite, sauber konfektioniert. Die Feuchte erscheint wohlausgewogen, sodaß die Mischung ohne weiteres Zuwarten stopf- und rauchfertig ist.

    3. Kaltaroma:
    Beim Öffnen der klassischen Vakuumdose entfaltet sich ein zurückhaltendes, aber charakteristisches Duftbild. Der Latakia tritt mit seiner typischen Rauchigkeit hervor: Dunkel, leicht ledrig, mit einem Anklang von Holzfeuer und einem Hauch maritimer Salzigkeit. Darunter liegt der Virginia, der weniger dörrfruchtig-süß als vielmehr trocken-heuartig erscheint, mit feinen floralen und minimal zitrischen Nuancen. Das Bouquet wirkt tabakecht und puristisch, beinahe asketisch.

    4. Rauchverlauf:
    Anfang: Nach dem Entflammen eröffnet der Virginia das Spiel: eine helle, klare Süße, die eher an getrocknetes Gras und feinen Blütenhonig erinnert als an schwere karamellartige Zuckerigkeit. Der Latakia tritt rasch hinzu, jedoch nicht dominierend, sondern wie ein dunkler Schatten, der dem helleren Fundament dunkle Kontur verleiht.

    Mitte: Im weiteren Verlauf zeigt sich die eigentliche Stärke der Mischung: Ihre Konsistenz. Ohne die sonst häufige Dreistimmigkeit (Virginia–Orient–Latakia) bleibt es bei einem klaren Dialog zweier Partner. Der Virginia changiert zwischen milder Süße und einer leicht zitrischen Frische, während der Latakia kontinuierlich Tiefe und Struktur liefert. Die Rauchigkeit bleibt dabei stets gemäßigt, abee markant.

    Ende: Zum Ende hin verschiebt sich das Verhältnis leicht zugunsten des Latakia. Die Süße des Virginias tritt allmählich zurück, der Rauch wird dichter, würziger, harziger, fast trocken; jedoch ohne Bitterkeit oder Schärfe.

    5. Abbrand & Technik:
    Die Cremon Mixture überzeugt durch einen vorbildlichen, gleichmäßigen und ruhigen Abbrand mit geringem Anfall von Kondensat und kaum Bedarf an Nachzündungen. Sie belohnt jedoch eine ruhige, bedachte Rauchweise. Bei zu hastigem Zug kann der Virginia leicht an aromatischer Feinheit verlieren und scharf und bissig werden.

    6. Raumnote:
    Die Raumnote ist deutlich vom Latakia geprägt: Rauchig, würzig, mit jener herben Strenge, die man gemeinhin als „englisch“ bezeichnet. Für den Liebhaber englischer Mischungen besitzt sie eine gewisse Tiefe und Ehrlichkeit; für Ungeübte kann sie hingegen als schwer und fordernd erscheinen. Es ist kein gefälliger Salonduft, sondern eher der Geruch eines viktorianischen Studierzimmers in Oxford.

    7. Vergleich & Einordnung:
    Innerhalb der klassischen Virginia-Latakia-Mischungen nimmt die Cremon Mixture eine interessante Stellung ein:

    Im Vergleich zur Samuel Gawith Commonwealth Mixture wirkt sie leichter, weniger nikotinstark und insgesamt zugänglicher.

    Gegenüber komplexeren englischen Mischungen, wie beispielsweise Dunhill‘s London Mixture, mit Anteilen an Orienttabaken erscheint sie bewußt reduziert, beinahe puristisch.

    Auch im Vergleich zu weiteren hanseatischen Blends wie Trennt‘s Abu Riha aus Kiel zeigt sich die Cremon Mixture als der etwas schlankere, trockenere und weniger komplexe Vertreter.

    Die Mischung erinnert in ihrer Haltung an ältere englische Tabakmischungen, wie sie vor der breiten Verwendung von Orienttabaken üblich waren; mithin ein Stil, der heute eher selten geworden ist.

    8. Eignung & Empfehlung:
    Die Cremon Mixture richtet sich eindeutig an den erfahrenen Raucher, der in der Reduktion den Reiz erkennt.

    Sie eignet sich:

    • als täglicher Begleiter für Liebhaber klassischer englischer Mischungen,
    • als Referenz für das Zusammenspiel von Virginia und Latakia,
    • als „Reinigungsblend“ nach aromatisierten Tabaken.

    Weniger geeignet erscheint sie mir für Einsteiger oder eingeschworene Freunde süßer, komplex aromatisierter Mischungen oder einseitige Fans von „Rauchbomben“.

    9. Fazit:
    Wehde’s Cremon Mixture ist ein Tabak von bemerkenswerter Klarheit. Seine Stärke liegt nicht in Vielfalt oder Überraschung, sondern in der konsequenten Ausarbeitung eines einfachen Prinzips: Der Dialektik von Süße und Rauch. Sie steht damit in einer Tradition, die man als hanseatisch im besten Sinne bezeichnen darf: Nüchtern, verläßlich und unprätentiös. Wer bereit ist, sich auf diese Reduktion einzulassen, findet hier keinen spektakulären, wohl aber einen ausgesprochen grundehrlichen und zudem preiswerten Tabak von ausgewiesener Qualität und Tradition.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

  • Hallo Sven,

    dein detailliertes Review hatte ich schon auf CW mit Freude gelesen.

    Schön das du es mir in Erinnerung rufst.

    Den Tabak wollte ich eigentlich immer mal mitbestellen aber irgendwie ist es nie dazu gekommen.

    Das wird jetzt zeitnah nachgeholt.

    Gruß - Thomas