1. Einleitung und historische Betrachtung:
Robert McConnell’s Boutique Blend gehört zu jener bemerkenswerten Linie (Heritage Line) von Tabakmischungen aus dem Hause Kopp, die nicht den Anspruch erhebt, das Rad wieder einmal neu zu erfinden, sondern vielmehr ein traditionsreiches, leider dahingeschiedenes Vorbild mit größtmöglicher Authentizität wieder aufleben zu lassen. Seine Zusammensetzung folgt dem klassischen Kanon einer leichten englischen Mixture: Helle und rote Virginias bilden das süßliche Fundament, Orienttabake sorgen für Würze und aromatische Spannung, während eine maßvolle Zugabe zyprischen Latakias den Rauch mit seinem charakteristischen harzig-rauchigen Gepräge veredelt. Bemerkenswert ist zudem, daß die Mischung leicht gepreßt und anschließend geröstet wird. Ein Verarbeitungsschritt, der den einzelnen Komponenten eine größere Geschlossenheit verleihen und kantige Spitzen abrunden soll.
Bereits der ursprüngliche Name “Early Bird” machte keinen Hehl daraus, welchem historischen Vorbild diese Mischung verpflichtet war: Dunhill‘s Early Morning Pipe, jener legendären Morgenmischung, die seit 1952 den Maßstab für milde englische Tabake setzte. Nach markenrechtlichen Anpassungen erhielt sie den heutigen Namen Boutique Blend, ohne daß sich ihr konzeptioneller Charakter änderte.
Gerade weil die historische Early Morning Pipe im Laufe ihrer Produktionsgeschichte - von den Londoner Anfängen bei Dunhill und McConnell über Murray in Belfast bis zu Orlik (STG) in Dänemark - mehrfach leichte Veränderungen der Rezeptur erfahren hat, ist jeder Nachbau zwangsläufig auch eine Interpretation. Der Boutique Blend, basierend auf den bei McConnell vorliegenden und mit dem Erwerb von McConnell in den Besitz von Kopp übergegangenen Rezeptaufzeichnungen, orientiert sich dabei erkennbar an den älteren Fassungen des Klassikers und vermittelt das Bild einer traditionellen englischen Mixture, deren Eleganz weniger aus Kraft als aus ausgewogener Proportion erwächst.
2. Optik und Schnitt:
Beim Öffnen der relativ schmucklosen Vakuumdose mit dem einheitlich gelben Etikett zeigt sich ein sauber geschnittener Ribbon Cut mittlerer Breite. Das Tabakbild wirkt ausgesprochen traditionell: Goldgelbe Fasern hellen Virginias wechseln mit kastanienbraunen Anteilen rotem Virginias und dunklen, beinahe schwarzen Latakiafäden.
3. Kaltaroma:
Das Bouquet des Tabaks im Kaltzustand wirkt sehr fein und zurückhaltend. Sanfte Rauchnoten des Latakias sind unmittelbar präsent, jedoch ohne jede Dominanz. Dahinter entfalten sich der leicht säuerlich-kräuterige Duft des Orienttabaks sowie die dezente Süße heller und gereifter Virginias. Das Bouquet erinnert an frisches Holz, getrocknetes Heu, Honigbrot und Leder.
4. Rauchverlauf:
Anfang: Schon mit den ersten Zügen wird deutlich, daß hier subtile Balance das leitende Prinzip ist: Der Latakia eröffnet mit angenehm weichem Rauch, der eher an trockenes Eichenholz als an das typische Lagerfeuer erinnert. Unmittelbar treten die Orienttabake hinzu und verleihen dem Rauchbild eine feine kräuterigen Würze mit leicht säuerlicher, stellenweise fast blumiger Eleganz. Die Virginias liefern im Hintergrund eine milde honigbrotartige Süße, ohne jemals in den Vordergrund zu drängen.
Mitte: Im mittleren Drittel erreicht die Mischung ihren eigentlichen Höhepunkt: Jetzt beginnt der rote Virginia seine dunkleren, leicht dörrfruchtigen Facetten einzubringen. Die natürliche Süße vertieft sich etwas, ohne jedoch an Frische einzubüßen. Der Orient imponiert zunehmend mit jener trockenen, leicht mineralischen Würze, welche an alte englische Mischungen erinnert und dem Rauch Tiefe verleiht. Der Latakia bleibt stets präsent, aber niemals aufdringlich. Seine Aufgabe besteht nicht darin, die Mischung zu beherrschen, sondern ihr Fundament zu bilden. Das Aroma wirkt ausgesprochen harmonisch.
Ende: Im letzten Drittel gewinnt die Mischung geringfügig an Erdigkeit und Würze, ohne jedoch scharf oder bitter zu werden. Lediglich eine minimale Rauheit kann gelegentlich, insbesondere bei höherer Temperatur, auftreten, die aber weit entfernt von störender Schärfe, eher Ausdruck ihres naturbelassenen Charakters ist. Bis zum letzten Zug bleibt die Balance zwischen Virginia-Süße, Latakia-Rauchigkeit und Orient-Würze erhalten.
5. Abbrand und Technik:
Die Feuchtigkeit des Tabaks befindet sich in einem Bereich, der sofortiges Rauchen erlaubt. Wer den Tabak jedoch etwa zwanzig bis dreißig Minuten ruhen läßt, wird ggf. mit einem noch ruhigeren Abbrand belohnt. Der Boutique Blend entzündet sich problemlos, entwickelt einen angenehm kühlen Rauch und verbrennt gleichmäßig bis auf eine feine, helle Asche. Kondensat entsteht nur in geringem Umfang. Die Zahl notwendiger Nachzündungen bewegt sich im normalen Bereich und hängt hauptsächlich von der gewählten Stopftechnik ab (nicht zu fest). Auch bei etwas kräftigerem Zug und höherer Kadenz neigt die Mischung kaum zum gefürchteten Zungenbiß, wenngleich langsames Rauchen mit möglichst geringer Hitzeentwicklung ihre feinen Nuancen deutlicher hervortreten läßt.
6. Raumnote:
Die Raumnote entspricht dem Ideal einer klassischen englischen Mixture: Der Latakia verleiht ihr den charakteristischen Duft nach trockenem Holzrauch, während die Virginias eine dezente Süße beitragen und die Orienttabake eine würzige, leicht pferdestallige Note hinzufügen. Für Nichtraucher bleibt sie unverkennbar tabaktypisch, unter Liebhabern englischer Mischungen wird sie jedoch vielfach als angenehm und kultiviert empfunden.
7. Vergleich und Einordnung:
Unweigerlich führt jeder Vergleich zu Dunhill‘s Early Morning Pipe: Nach meinem Eindruck gelingt Robert McConnell eine der überzeugendsten modernen Annäherungen an dieses historische Vorbild. Naturgemäß kann es sich nicht um eine vollkommen identische Kopie handeln, da auch die verwendeten Grundtabake saisonalen Schwankungen unterliegen. Der Boutique Blend wirkt m.E. geringfügig kräftiger strukturiert, als die rezente Peterson-Version des Early Morning Pipe. Latakia und Orienttabake treten etwas deutlicher hervor, während mir die Virginias etwas zurückhaltender erscheinen. Dadurch besitzt die Mischung eine Spur mehr Würze und Rauchigkeit als das derzeitige „Original“, mag aber möglicherweise dem „Original“ von vor 1980 eher entsprechen ; letztlich ein m.E. wenig sinnvoller Vergleich historischer Reminiszenzen mit aktuellen Befunden. Jedenfalls bleibt der Grundgedanke des „Originals“ vollständig erhalten: Eine leichte englische Mixture von außergewöhnlicher Eleganz, die weder ermüdet noch überfordert. Im Vergleich zu Gale’s ebenfalls eher leichten Presbyterian Mixture erscheint Robert McConnell’s Boutique Blend latakiabetonter und weniger floral-orientalisch. Von kräftigen Mischungen wie Dunhill’s Nightcap oder My Mixture 965 trennt ihn ohnehin eine ganze Welt; diese verfolgen ein deutlich vollmundigeres Konzept.
8. Eignung und Empfehlung:
Robert McConnell‘s Boutique Blend richtet sich m.E. vor allem an Raucher, welche die feine Architektur klassischer englischer Mischungen schätzen. Sie eignet sich hervorragend als erste Pfeife des Tages, funktioniert jedoch ebenso als dezente Begleiterin während längerer Lektüre oder konzentrierter Arbeit. Auch Einsteiger in die Welt englischer Mischungen finden hier einen ausgezeichneten Zugang, da keine Komponente übermäßig dominiert. Erfahrene Liebhaber historischer englischer Mischungen wiederum werden insbesondere die ausgewogenen aromatischen Proportionen und die bemerkenswerte Geschlossenheit des Geschmacksbildes zu würdigen wissen.
9. Fazit:
Der Robert McConnell Boutique Blend gehört zu den überzeugendsten modernen Interpretationen einer klassischen, leichten, englischen Mischung. Seine Stärke liegt nicht in spektakulärer Intensität, sondern in einer bemerkenswerten Balance der Aromen. Latakia, Orient und Virginia stehen in einem sorgfältig austarierten Verhältnis, sodaß keine Komponente den Charakter der Mischung monopolisiert. Das Ergebnis ist ein ruhiger, kultivierter Rauch mit feinen Übergängen und einer bemerkenswerten Konstanz über den gesamten Rauchverlauf. Als Nachfolger Dunhill‘s legendärer Early Morning Pipe überzeugt der Boutique Blend in erstaunlichem Maße. Zwar erreicht er möglicherweise nicht in jeder Nuance die seidige Perfektion des historischen Vorbilds und wirkt gelegentlich doch eine Spur rustikaler, doch bewahrt er dessen grundlegende Idee außerordentlich überzeugend - meiner bescheidenen Meinung nach besser als die derzeitige Peterson-Version.