1. Einleitung:
Der Full Virginia Flake aus dem Hause Samuel Gawith steht exemplarisch für die englische Tradition der hochwertigen Straight-Virginia-Tabakmischungen. Seine Zusammensetzung ist bewußt monolithisch: Ausschließlich Virginiatabake, ohne jede Aromatisierung, verarbeitet nach Verfahren, deren Ursprünge bis in das frühe 19. Jahrhundert zurückreichen. Der Begriff „Full“ ist hier nicht marketinghaft zu verstehen, sondern historisch: Er bezeichnet einen vollständig fermentierten und aromatisch verdichteten Virginia, der sein Aroma allein aus dem hochwertigen Tabakblatt, der Pressung mit Hitze und der ausreichenden Zeit für Reifung gewinnt. Er wirkt heute wie ein konserviertes Relikt aus einer anderen Zeit.
2. Optik & Schnitt:
Die Flakescheiben präsentieren sich in der bedauerlicherweise nicht mehr luftdichten Rechteckdose dunkel, tiefbraun bis mahagonifarben, stellenweise von rötlichen und kupfernen Einschlüssen durchzogen. Sie sind fest gepreßt, von recht ungleichmäßiger Stärke und zeigen jene leichte Öligkeit, die auf hohe natürliche Zuckeranteile und intensive Pressung schließen läßt. Der Schnitt wirkt sehr handwerklich, beinahe archaisch – kein maschinell präziser MacBaren Flakeschnitt. Sowohl Fold-and-Stuff als auch grobes Aufreiben sind möglich, wobei letzteres m.E. ein gleichmäßigeres Rauchverhalten begünstigt.
3. Kaltaroma:
Das Kaltaroma ist etwas gedämpft, aber vielschichtig. Dunkles Früchtebrot, Korinthen, getrocknete Pflaumen, Aprikosen und ein Hauch von Apfelschale treten hervor, begleitet von einer dezenten, säuerlichen Note, die an Cidre erinnert. Eine feine Holzigkeit und ein Anflug von Heu runden den Eindruck ab. Das Bouquet wirkt tabakecht und authentisch, ohne wahrnehmbare, tabakfremde Aromatisierung.
4. Rauchverlauf:
Anfang: Nach dem Anzünden zeigt sich der Full Virginia Flake zunächst erstaunlich zurückhaltend. Die ersten Züge sind weich, mit sanfter, natürlicher Süße und Anklängen von Getreide und Karamell. Eine leicht zitrische Frische blitzt auf, ohne zu dominieren. Der Rauch ist wohltemperiert und sehr dicht.
Mitte: Im mittleren Drittel beginnt der Tabak, seine eigentliche Tiefe zu entfalten. Die Süße verdunkelt sich, nimmt Anklänge von Melasse, Brotkruste und Dörrfrucht an. Eine subtile, gelegentlich ganz leicht pfeffrige Würze entwickelt sich, die nicht scharf, sondern strukturbildend wirkt. Der Rauch wird cremiger, voller, mit spürbarem Körper und zunehmender Präsenz.
Ende: Im letzten Drittel erreicht der Full Virginia Flake seine größte Intensität. Erdige, leicht herbe Noten treten hinzu, ohne die verbleibende Süße zu verdrängen. Die Nikotinstärke macht sich nun deutlich bemerkbar. Bei ruhiger Rauchweise bleibt der Tabak angenehm würzig; bei Ungeduld zeigt er jedoch unverzüglich seine Zähne und wird virginiatypisch bissig.
5. Abbrand & Technik:
Der Tabak verlangt eine gewisse Vorbereitung. Eine längere Ablüftzeit ist nahezu obligatorisch. Richtig gestopft, brennt er gleichmäßig, wohltemperiert und langsam ab, produziert eine feine, helle Asche und benötigt nur minimales Nachfeuern. Er belohnt eine ruhige Kadenz und straft Hast unmittelbar. Technisch ist er vorbildlich, sofern man ihm mit der nötigen Disziplin begegnet.
6. Raumnote:
Die Raumnote ist deutlich tabakecht: Süßlich-brotig und würzig-warm. Für Nichtraucher heutzutage eher weniger gefällig, für Liebhaber klassischer Virginias jedoch authentisch und angenehm. Sie erinnert eher an Großvaters Herrenzimmer als an einen Salon.
7. Vergleich & Einordnung:
- Im Vergleich zum dänischen Klassiker Orlik’s Golden Sliced zeigt sich Samuel Gawith‘s Full Virginia Flake deutlich dunkler, reifer und körperreicher. Golden Sliced arbeitet mit helleren Virginias, mehr zitrischer Frische, einem Hauch Périque-Spritzigkeit und einer sehr zugänglichen, fast beschwingten Süße. Samuel Gawith‘s Parade-Flake hingegen verzichtet auf Leichtigkeit zugunsten von Tiefe und Dichte. Wo Orlik eher leichtfüßige Eleganz bietet, liefert Gawith schwere Substanz.
- Der englische Klassiker Dunhill’s Flake steht stilistisch dem Flake aus Kendal näher, wirkt jedoch kultivierter und etwas eleganter. Seine Süße ist noch feiner eingebunden, seine Entwicklung gleichmäßiger. Der Full Virginia Flake erscheint im Vergleich rustikaler und intensiver. Allegorisch gesagt: Wo Dunhill elegante Harmonie vermittelt, liefert Samuel Gawith kraftvollen Ausdruck.
- Richmond’s Navy Cut schließlich bietet eine bodenständige, klassische Virginia-Erfahrung, bleibt jedoch milder und weniger konzentriert. Im direkten Vergleich fehlt ihm die aromatische Tiefe und die wuchtige Endphase des Full Virginia Flake.
8. Eignung & Empfehlung:
Samuel Gawith‘s Full Virginia Flake richtet sich eindeutig an den gewiegten Pfeifenraucher. Er eignet sich weniger für den beiläufigen Genuß, sondern für ruhige Stunden, vorzugsweise nach einer Mahlzeit oder am Abend. Wer Geduld, Technik und Respekt vor dem Material mitbringt, wird reich belohnt. Für Einsteiger ist er nur bedingt zu empfehlen. Flake-typisch empfehlen sich größere Pfeifenköpfe (Dunhill 4-5).
9. Fazit:
Der Samuel Gawith Full Virginia Flake ist ein Tabak von ehrwürdiger Tradition und Qualität. Er verzichtet bewußt auf moderne Gefälligkeit zugunsten von Substanz, Reife und Ausdruck. In der Welt der Virginia-Flakes markiert er keinen Mittelweg, sondern einen Endpunkt - gleichsam eine Apotheose: Völlig kompromißlos, archaisch-kraftvoll und von unzweifelhafter Autorität. Wer ihn versteht, findet in ihm keinen polierten „Everybody’s Darling“, sondern einen leicht kauzigen Grandseigneur alter Schule.