Beiträge von Sven

    M.E. ist der Falkum mehr oder weniger baugleich mit Hubers English Balkan (Latakia, Virginia, Cavendish, Kentucky, Périque) und geht auf Russ Oulettes Black House von Hearth&Home als Balkan Sobranie 759 Nachahmung zurück, der allerdings auch noch Orient enthält. Von diesen Nachahmungen hat fast jeder größere Tabakhändler eine Version als Hausmischung (made by Kopp), was ich völlig OK finde - wenn nicht geraunt wird „speziell für uns, nach dem Originalrezept“.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

    1. Einleitung:
    Der Sam’s Flake aus dem Hause Samuel Gawith gehört zu den klassischen englischen Kompositionen - wie beispielsweise der 1792 Cob Flake aus gleichem Hause - die zur Abrundung des Bouquets Tonkabohnenextrakt (Tonquin) verwenden. Die Zusammensetzung ist ein gewisses Alleinstellungsmerkmal: Gereifte Virginias bilden das Fundament, orientalische Tabake sorgen für Würze und Struktur, und eine zurückhaltende Tonquin-Saucierung rundet das Ganze ab - auf Latakia und andere Würztabake wird verzichtet. Diese Komposition entspricht im Grundsatz der historischen Schule britischer Flake-Herstellung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, in der Zusätze (Rum, Tonquin etc) nicht im Sinne einer Aromatisierung dominierend-überlagernd, sondern harmonisierend-ergänzend eingesetzt werden. Ich zähle den Tabak folglich nicht zu den Aromaten.

    2. Optik & Schnitt:
    Die Flakes erscheinen in der typischen Rechteckdose dicht gepreßt und leicht schimmernd, in tiefen Braun- und Mahagonitönen mit vereinzelten helleren Fasern. Die Scheiben sind Gawith-typisch etwas ungleichmäßig geschnitten aber recht stabil und feucht. Sie lassen sich problemlos sowohl falten als auch vollständig aufreiben.

    3. Kaltaroma:
    Im kalten Zustand zeigt sich ein vielschichtiges Duftprofil: Dunkle Virginiasüße, Trockenfrüchte, ein Hauch Malz und darunter eine trockene, würzige Note der Orientblätter. Die Tonquin-Saucierung äußert sich als warmer, vanillig-mandeliger Schleier, der das Bouquet glättet und ihm einen leise balsamischen Charakter verleiht. Der olfaktorische Eindruck ist harmonisch ohne Dominanz einer Komponente.

    4. Rauchverlauf:

    Anfang: Im ersten Drittel der Füllung offenbart sich eine helle, natürliche Süße der Virginias – Heu, frisches Brot, ein leichter Anklang von Zitrusschale. Die Tonquin-Saucierung tritt sofort als weiche Rundung hinzu und erinnert an Vanille und Mandeln, ohne je aromatisch vordergründig zu werden. Die Orienttabake äußern sich zunächst nur strukturgebend, indem sie die Süße der Virginias kontrapunktisch mit feiner, kräuteriger Trockenwürze straffen.

    Mitte: Im Mittelteil vertieft sich das Profil. Die Virginias entwickeln dunklere Töne von Korinthen, Datteln, Backobst und Malz. Gleichzeitig treten nun die Orientblätter aromatisch hervor und bringen an Heublumen erinnernde, kräuterig-ätherische bis florale, ganz leicht muskatartige und dezent lederige Nuancen ein. Die Tonquin-Komponente wirkt nun wie ein verbindendes Medium: Sie mildert die Würze, vertieft die Süße und verleiht dem Rauch eine cremige Textur. Besonders bemerkenswert erscheint mir der fließende Übergang der Aromaphasen.

    Ende: Im letzten Drittel verdichtet sich die Mischung aromatisch. Die Süße wirkt nun karamellisiert und molasse-artig, während holzige und mineralische Noten an Gewicht gewinnen. Die Orientwürze erscheint nun trockener und deutlich mineralischer - eine entfernt an Pouilly Fumé erinnnernde Feuersteinnote. Die Tonquin-Saucierung bleibt bis zuletzt als samtige Grundierung bestehen und verhindert aschige Bitterkeit

    5. Abbrand & Technik:
    Nach moderater Trocknungszeit entzündet sich der zuweilen etwas feuchte Flake zuverlässig und brennt unter gelegentlichem Nachzünden gleichmäßig ab. Langsames, befächtiges Rauchen offenbart die größte Differenzierung der Aromen; hastiges Ziehen verdichtet sie lediglich, ohne den Tabak scharf werden zu lassen. Zungenbiß tritt selbst bei forcierter Kadenz nicht auf.

    6. Raumnote:
    Die Raumnote ist klassisch und tabakecht: Süßlich-würzig, mit Anklängen von warmem Holz und Heu. Sie weckt Erinnerungen an Herrenzimmer und Privatbibliothek und wird selbst von Außenstehenden meist als angenehm altmodisch empfunden.

    7. Vergleich & Einordnung:
    Innerhalb der englischen Tradition läßt sich Sam’s Flake neben jene Flake-Klassiker stellen, wie sie einst von Dunhill (nun Peterson) kultiviert wurden, wenngleich mit eigenständigem Profil. Während die historischen Londoner Mischungen oft stärker auf soignierte Eleganz zielen, besitzt dieser Flake eine leicht rustikale, nordenglische Erdung. Gegenüber reinen Virginia-Flakes, wie beispielsweise Richmond‘s Navy Cut oder Will’s Capstan bietet er mehr Würze und aromatische Komplexität; gegenüber stark aromatisierten Vertretern der Lakeland Tradition bleibt er bewußt zurückhaltend.

    8. Eignung & Empfehlung:
    Samuel Gawith‘s Sam‘s Flake richtet sich vor allem an erfahrene Pfeifenraucher mit Sinn für natürliche Tabakentwicklung. Wer spektakuläre Aromensprünge sucht, wird ihn unterschätzen; wer feine Abstufungen schätzt, wird ihn hoch achten. Besonders geeignet ist er für ruhige Stunden, in denen Aufmerksamkeit und Muße vorhanden sind, denn seine Qualitäten offenbaren sich schrittweise.

    9. Fazit:
    Samuel Gawith’s Sam’s Flake erweist sich als ein exemplarischer Vertreter traditioneller englischer Mischkunst: Ausgewogen, vielschichtig und handwerklich-traditionell gefertigt. Die Virginias liefern Struktur und Süße, die Orienttabake Würze und Kontur und die Tonquin-Abrundung verbindet das Bouquet zu einem geschlossenen Ganzen - auf Latakia oder andere Würztabak wird bewußt verzichtet. Seine Größe liegt nicht im Aromen-Spektakel, sondern in der klassischen Proportion und Balance der hochwertigen Komponenten. Ein typischer Fall kultivierten, britischen Understatements. 🇬🇧

    1. Bonner Qualmköpp wäre ein Nachbau.
    2. Ashton‘s Artisan Blend, ebenfalls Klon.
    3. HU Fayyum wäre ähnlich, eventuell sogar mächtiger.
    4. Zander‘s Balkan Sobranie (echte Latakiabombe)
    5. TAK Kieler Förde (ebenfalls Latakiabombe mit Alleinstellungsmerkmal: nur Latakia/Orient/Périque, also sehr würzig-trocken)

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

    Interessant finde ich, daß der FVF im letzten Drittel der Füllung nicht das sonst übliche Dénoument mit Versiegen der Süße, Verflachung des Bouquets und herbem Geschmack bis Aschigkeit zeigt, sondern sich gewissermaßen zu einem Finale con tutta forza aufschwingt. Den kann man wirklich bis zum letzten Krümel genußvoll aufrauchen.

    Sven ⚓️

    Ich wage kaum, es zu sagen, aber ich habe grade einmal €45.- für die Estate hingelegt.

    Verkäufer aus der Schweiz; außer meinem nur ein weiteres Gebot. Glück muß man haben 😉.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

    1. Einleitung:
    Der Full Virginia Flake aus dem Hause Samuel Gawith steht exemplarisch für die englische Tradition der hochwertigen Straight-Virginia-Tabakmischungen. Seine Zusammensetzung ist bewußt monolithisch: Ausschließlich Virginiatabake, ohne jede Aromatisierung, verarbeitet nach Verfahren, deren Ursprünge bis in das frühe 19. Jahrhundert zurückreichen. Der Begriff „Full“ ist hier nicht marketinghaft zu verstehen, sondern historisch: Er bezeichnet einen vollständig fermentierten und aromatisch verdichteten Virginia, der sein Aroma allein aus dem hochwertigen Tabakblatt, der Pressung mit Hitze und der ausreichenden Zeit für Reifung gewinnt. Er wirkt heute wie ein konserviertes Relikt aus einer anderen Zeit.

    2. Optik & Schnitt:
    Die Flakescheiben präsentieren sich in der bedauerlicherweise nicht mehr luftdichten Rechteckdose dunkel, tiefbraun bis mahagonifarben, stellenweise von rötlichen und kupfernen Einschlüssen durchzogen. Sie sind fest gepreßt, von recht ungleichmäßiger Stärke und zeigen jene leichte Öligkeit, die auf hohe natürliche Zuckeranteile und intensive Pressung schließen läßt. Der Schnitt wirkt sehr handwerklich, beinahe archaisch – kein maschinell präziser MacBaren Flakeschnitt. Sowohl Fold-and-Stuff als auch grobes Aufreiben sind möglich, wobei letzteres m.E. ein gleichmäßigeres Rauchverhalten begünstigt.

    3. Kaltaroma:
    Das Kaltaroma ist etwas gedämpft, aber vielschichtig. Dunkles Früchtebrot, Korinthen, getrocknete Pflaumen, Aprikosen und ein Hauch von Apfelschale treten hervor, begleitet von einer dezenten, säuerlichen Note, die an Cidre erinnert. Eine feine Holzigkeit und ein Anflug von Heu runden den Eindruck ab. Das Bouquet wirkt tabakecht und authentisch, ohne wahrnehmbare, tabakfremde Aromatisierung.

    4. Rauchverlauf:

    Anfang: Nach dem Anzünden zeigt sich der Full Virginia Flake zunächst erstaunlich zurückhaltend. Die ersten Züge sind weich, mit sanfter, natürlicher Süße und Anklängen von Getreide und Karamell. Eine leicht zitrische Frische blitzt auf, ohne zu dominieren. Der Rauch ist wohltemperiert und sehr dicht.

    Mitte: Im mittleren Drittel beginnt der Tabak, seine eigentliche Tiefe zu entfalten. Die Süße verdunkelt sich, nimmt Anklänge von Melasse, Brotkruste und Dörrfrucht an. Eine subtile, gelegentlich ganz leicht pfeffrige Würze entwickelt sich, die nicht scharf, sondern strukturbildend wirkt. Der Rauch wird cremiger, voller, mit spürbarem Körper und zunehmender Präsenz.

    Ende: Im letzten Drittel erreicht der Full Virginia Flake seine größte Intensität. Erdige, leicht herbe Noten treten hinzu, ohne die verbleibende Süße zu verdrängen. Die Nikotinstärke macht sich nun deutlich bemerkbar. Bei ruhiger Rauchweise bleibt der Tabak angenehm würzig; bei Ungeduld zeigt er jedoch unverzüglich seine Zähne und wird virginiatypisch bissig.

    5. Abbrand & Technik:
    Der Tabak verlangt eine gewisse Vorbereitung. Eine längere Ablüftzeit ist nahezu obligatorisch. Richtig gestopft, brennt er gleichmäßig, wohltemperiert und langsam ab, produziert eine feine, helle Asche und benötigt nur minimales Nachfeuern. Er belohnt eine ruhige Kadenz und straft Hast unmittelbar. Technisch ist er vorbildlich, sofern man ihm mit der nötigen Disziplin begegnet.

    6. Raumnote:
    Die Raumnote ist deutlich tabakecht: Süßlich-brotig und würzig-warm. Für Nichtraucher heutzutage eher weniger gefällig, für Liebhaber klassischer Virginias jedoch authentisch und angenehm. Sie erinnert eher an Großvaters Herrenzimmer als an einen Salon.

    7. Vergleich & Einordnung:

    1. Im Vergleich zum dänischen Klassiker Orlik’s Golden Sliced zeigt sich Samuel Gawith‘s Full Virginia Flake deutlich dunkler, reifer und körperreicher. Golden Sliced arbeitet mit helleren Virginias, mehr zitrischer Frische, einem Hauch Périque-Spritzigkeit und einer sehr zugänglichen, fast beschwingten Süße. Samuel Gawith‘s Parade-Flake hingegen verzichtet auf Leichtigkeit zugunsten von Tiefe und Dichte. Wo Orlik eher leichtfüßige Eleganz bietet, liefert Gawith schwere Substanz.
    2. Der englische Klassiker Dunhill’s Flake steht stilistisch dem Flake aus Kendal näher, wirkt jedoch kultivierter und etwas eleganter. Seine Süße ist noch feiner eingebunden, seine Entwicklung gleichmäßiger. Der Full Virginia Flake erscheint im Vergleich rustikaler und intensiver. Allegorisch gesagt: Wo Dunhill elegante Harmonie vermittelt, liefert Samuel Gawith kraftvollen Ausdruck.
    3. Richmond’s Navy Cut schließlich bietet eine bodenständige, klassische Virginia-Erfahrung, bleibt jedoch milder und weniger konzentriert. Im direkten Vergleich fehlt ihm die aromatische Tiefe und die wuchtige Endphase des Full Virginia Flake.

    8. Eignung & Empfehlung:
    Samuel Gawith‘s Full Virginia Flake richtet sich eindeutig an den gewiegten Pfeifenraucher. Er eignet sich weniger für den beiläufigen Genuß, sondern für ruhige Stunden, vorzugsweise nach einer Mahlzeit oder am Abend. Wer Geduld, Technik und Respekt vor dem Material mitbringt, wird reich belohnt. Für Einsteiger ist er nur bedingt zu empfehlen. Flake-typisch empfehlen sich größere Pfeifenköpfe (Dunhill 4-5).

    9. Fazit:
    Der Samuel Gawith Full Virginia Flake ist ein Tabak von ehrwürdiger Tradition und Qualität. Er verzichtet bewußt auf moderne Gefälligkeit zugunsten von Substanz, Reife und Ausdruck. In der Welt der Virginia-Flakes markiert er keinen Mittelweg, sondern einen Endpunkt - gleichsam eine Apotheose: Völlig kompromißlos, archaisch-kraftvoll und von unzweifelhafter Autorität. Wer ihn versteht, findet in ihm keinen polierten „Everybody’s Darling“, sondern einen leicht kauzigen Grandseigneur alter Schule.

    In letzter Zeit fällt mir eine leicht „weinige“ Note auf, die an syrischen Latakia erinnert, der wohl auch ursprünglich in der Mischung vorhanden war. Ich vermute einen Planta-Kunstgriff mit einer Saucierung, die aber m.E. deutlich besser gelungen ist, als die aufdringliche Pflaumennote bei den Gladora Pesse Canoe Latakia Flakes.

    Schade, daß Mac Baren den Tobac aus dem Sortiment genommen hat 😢.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

    Als Estate für schmales Geld in der Bucht geschossen:


    Das Rauchmöbel hat starke Ähnlichkeit mit meiner Dunhill 922. Die Kopfgröße, als 4 angegeben, ist angenehm groß - so wie Vaddern sein Sohn es mag 👍.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️

    Hallo Thorsten,

    Vielen Dank für Deine Informationen zum Sligo Bay. Langsam macht mich das neugierig auf den Tobac 🤭.

    Ich habe ja eine norddeutsche Sympathie für Non-Konformismus und schätze u.a. auch Parias unter den Tabake, wie z.B. Gawith&Hoggarth‘s Ennerdale oder Samuel Gawith‘s Black XX 😇.

    Mast- und Schotbruch

    Sven ⚓️